Therapeutisches Reiten

Der heilsame Rhythmus des Reitens war schon in der griechischen und
römischen Antike bekannt und wurde angewandt. Über Jahrhunderte entwickelte
sich das heutige „Therapeutische Reiten". 1735 wurde eine mechanische Reitmaschine entwickelt, um die therapeutische Wirkung des Reitens kostengünstiger zu gestalten.

Das Pferd überträgt sein Bewegungsmuster auf den Reiter. Diese Bewegung entspricht dem Gangbild eines Menschen mit 2 gesunden Beinen. Das Pferd überträgt also in der Therapiegangart Schritt im Durchschnitt etwa 100 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute auf den Rumpf des aufrecht sitzenden Patienten.

Die Schwingungen werden zunächst vom Becken übernommen, welches die Basis sämtlicher weiterlaufender Bewegungen an die Wirbelsäule und die Extremitäten darstellt. Abhängig von der Pferdegröße ist der Gangmechanismus unterschiedlich.

Für Babys mit motorischen Störungen, z.Z. ein großer Anteil unserer Patienten, setzen wir sehr kleine Ponys mit kurzen, schnellen Bewegungen ein. (Babys 9-10 Mon. Mädchen lachen gleich, Jungen sind anfangs eher skeptisch).

Auch die Impulse durch Geschwindigkeits- und Richtungsänderung sind therapeutisch wirksam und wertvoll. Das Reiten führt zur Tonusregulierung, das heißt zum Musketaufbau und zur Entspannung der verspannten Muskeln, ganz wichtiger Aspekt bei Spastiken und Rückenschmerzen.

Bei schlaffen Lähmungen wird die Muskelrestfunktion des betreffenden Muskels ausgebildet, den das Gehirn vergessen hat zu aktivieren. Die rhythmische Bewegung auf dem Pferd und die aufrechte Haltung fördern die Atmung und die Magen-Darm und Blasenperistaltik.

Das Gleichgewicht und die Koordination werden geschult. Die Reflexerregbarkeit wird gesenkt. Durch die Körperwärme des Pferdes, es hat 1° höhere Körpertemperatur, werden Muskelverspannungen gelöst.

Die psychische Wirkung der Reittherapie hat einen hohen Stellenwert. Die Konzentration und Aufmerksamkeit werden durch das „lebende Übungsgerät" geweckt und gelenkt. Es ist dem Patienten nicht möglich, sich körperlich oder psychisch den Forderungen des Pferdes zu entziehen.

Bei einer Krankengymnastik ist dies relativ einfach möglich. Der Umgang mit dem Pferd ist ein ständiger Wechsel in Anpassung, Selbstkorrektur und Selbstdisziplin. Festgefahrene Verhaltensmuster lösen sich und Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit werden aufgebaut.

Viele Patienten sind therapiemüde. Bei der Reittherapie ist das anders. Da sind die Patienten hochmotiviert, denn behandelt werden heißt auf dem Pferd sitzen dürfen und reiten.

© 2015, Stefanie Sichtermann